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GROSCHEN

Editorial

2010, ich zweifle an der Entscheidung, das Abitur zu machen. Die Eurokrise nimmt an Fahrt auf und den Politikunterricht ein. Keiner von uns hatte eine Vorahnung, welchen Schatten dieses Ereignis über Deutschland und die EU werfen würde. Ich suche meinen Trost in Sascha Lobos “Wir nennen es Arbeit” und finde hierin das erste Mal eine Antwort auf die Frage, was ich später einmal werden möchte. Es folgt der Arabische Frühling. Die Revolution in Ägypten spielt sich in meiner Twitter Timeline ab und ich bin überzeugt davon, dass wir durch soziale Netzwerke bald zu einer gerechteren Gesellschaft werden. Krieg in Syrien - ich werde auf Stephan Urbach und Telecomix aufmerksam und fühle mich in meiner Überzeugung bestärkt.

Der Geiselnehmer der 00er Jahre wird unter Obama gefunden und ermordet - das einundzwanzigste Jahrhundert kommt mit zehn Jahren Verspätung. Getragen von den Bildern des Arabischen Frühlings formieren sich Proteste gegen den deregulierten Finanzsektor und für mehr soziale Gerechtigkeit. Die Guy-Fawkes-Maske wird zum Symbol eines Protests und für Disney zum Kassenschlager.

Einige Monate später gehen maskierte Massen in Deutschland gegen ACTA auf die Straße. Trotz anfänglicher Zweifel, stolpere ich durch die Abiturprüfungen und verbringe die kommen Monate damit, am Flughafen Hannover Personen in Rollstühlen von A nach B zu schieben.

In der Türkei formieren sich Proteste gegen Erdogans Politik, unterschiedlichste Gruppen und Schichten finden sich im Gezi-Park zusammen. Ich reflektiere meine Interessensgebiete der letzten Jahre und komme zu dem Entschluss irgendwas mit Medien zu studieren. Ich verlasse meine Zuhause, ziehe in den Ruhrpott und meine Freundin nach Köln. Nachts träume ich von der internationalen Solidarität. Revolutionäre Funkenschläge in Europa und auf der ganzen Welt.

Die Proteste in der Ukraine gipfeln in bürgerkriegsähnliche Zustände und erinnern an dystopische Science Fiction Filme. Ich mache mit meiner damaligen Freundin Urlaub in Istanbul. Wir lernen über Couchsurfing jemand kennen, der an den Protesten im Gezi-Park teilgenommen hat. Realitätscheck für meine Revolutionsromantik. Meine Schwäche in Mathematik nimmt mir mein Selbstvertrauen, wenn es um die Wahl meines Studiums geht. Hätte ich doch lieber etwas Soziales studieren sollen? Russland annektiert die Krim. Das erste Mal bekomme ich mit, das Trolle und Bots Diskussionen auf Facebook infiltrieren, um Meinungen zu beeinflussen. Über meine utopischen Gedanken und Träume legt sich langsam ein grauer Schleier. Geschichten um den IS bestimmten langsam die Medien. Eine Anti-Israel Demo in Essen am Hauptbahnhof: Die Gegendemonstranten wird der Hitler-Gruß entgegengestreckt und in den FB-Gruppen wird sich darüber ausgetauscht, ob man IS-Fahnen zu der Demonstration erscheinen dürfe. Meine Freundin zieht nach Berlin. Jedes zweites Wochenende spielt sich mein Leben auf der Autobahn Richtung Hauptstadt ab.

Die Nachrichten von Terroranschlägen in Paris werden nicht weniger. Das Schreckgespenst IS ist omnipräsent. Bürgerwehren formieren sich. Dresden versinkt in Galle und Deutschlandfahnen. Hooligans entdecken die Politik für sich. Deutschland nimmt Kriegsflüchtlinge auf. Ich bin ergriffen von der Reaktion vieler Mitbürger und kann mich für einen kurzen Moment mit Deutschland identifizieren. Flüchtlingsheime brennen. Kommentarspalten bringen mich zum Kotzen. Silvester in Köln mit neuen und alten Freunden. Um null Uhr liegen wir uns auf der Mülheimer Brücke in den Armen. Einige Kilometer weiter kommt es zu sexuellen Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof. Nazis entdecken den Feminismus für sich.

Die Briten stimmen über ihren Verbleib in der Eurozone ab - die Entscheidung fällt negativ aus. Ich stehe fassungslos in der Küche meiner WG am Pferdemarkt und höre die Nachrichten im Radio. Der Putschversuch in der Türkei hinterlässt Spuren im Ruhrgebiet und in Berlin. Straßenzüge voller Türkeifahnen, Autokorsos durch die Innenstädte. Meine letzte Chance die Matheprüfungen zu bestehen ist erfolgreich. Ich ziehe nach Berlin, um mein Pflichtpraktikum zu absolvieren. Meine Freundin fragt mich, ob ich es für realistisch halte, das Trump die Wahl gewinnt. Ich verneine und korrigiere mich direkt danach, weil ich an den Brexit denken musste. Als wir am nächsten Morgen am Frühstückstisch setzen, ist Donald Trump Präsident der USA. Einen Monat später: Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt.

Mark Fisher nimmt sich das Leben. Mein Pflichtpraktikum geht zu Ende. Ich wechsel mein Thema für die Bachelorarbeit im Monatsrhythmus. Befreundete Kommilitonen besuchen mich in Berlin. Einen Tag vor ihrer Abreise ist die Bundestagswahl. Wir liegen auf meinem Sofa und schauen uns fassungslos die Wahlergebnisse ein. Die Afd zieht in den Bundestag, der Stream läuft im Loop bei Gaulands >>wir werden sie jagen!"<<. Meine damalige Beziehung zu meiner Freundin geht in die Brüche. Die gleichgeschlechtliche Ehe tritt überraschend in Deutschland in Kraft. Vielleicht ein Zeichen?

Die Einflussnahme auf den amerikanischen Wahlkampf durch Cambridge Analytica wird bekannt. Ich lösche mich bei Facebook. Mittlerweile sehe ich den ganzen Kanälen mehr negatives als positives. Der Frühling kommt. Ich lernen einen Menschen kennen, mit dem ich die nächsten Monate verbringen werde. Das Ende der Bachelorarbeit liegt wenige Monate entfernt. Gretha Thunberg und Fridays For Future geben mir etwas Hoffnung in die Zukunft zurück. Ich beende mein Studium und befinde ich plötzlich voll und ganz im Arbeitsalltag. Die Tage und Wochen ziehen vorbei. Die Klimakatastrophe tritt in den Vordergrund und immer mehr Freunde und Freundinnen verändern ihr Konsumverhalten. Ibiza-Affäre. Neuen Netzwerke rund um das Thema Dezentralisierung können mein Interesse der frühen 10er wieder entfachen. Ich zweifel an meinem Job. Der Groschen fällt.

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Während ich auf das letzte Jahrzehnt zurückgeblickt habe, war ich überrascht, wie positiv und optimistisch ich in dem ersten Drittel der 10er war und wie selten dieses Gefühl gegenwärtig noch vorhanden ist, wenn ich die kommenden Jahre denke. Auf Reddit bin ich vor einiger Zeit auf eine alte AOL Kampagne gestoßen - zwei Werbeclips die jeweils die positive und negative Überzeugung gegenüber des Internets visualisieren. Ich hätte es mir damals in meiner jugendliche Naivität nicht vorstellen können, aber mittlerweile kann ich die Wünsche und Ängste beider Seiten sehr gut verstehen. Tatsächlich war es eher so, dass die Angst in den letzten Jahren überwogen hat. Die vergangen Monate machen mir allerdings wieder Hoffnung. Junge Menschen werden wieder politisch, besetzen Straße und Plätze und stehen konsequent für ihre Forderungen ein. Die Kritik an den großen Tech-Unternehmen und die Sehnsucht nach der Golden Era wächst - weg von Profilseiten auf sozialen Netzwerken hin zu Websites die sie miteinander vernetzen.

Ich freue mich auf die kommenden zehn Jahre, wäre vielleicht etwas übertrieben formuliert. Ich glaube, in den kommenden zehn Jahren müssen wir viel richtig machen, um eine Gegenbewegung in Gang zu setzen. Ich freue mich darauf, daran mitzuarbeiten - in welcher Weise auch immer. Ich werde den Groschen erst Ende Januar wieder neu veröffentlichen. Daher an dieser Stelle: Fremder Surfer, ich wünsche dir viel Spaß mit Freunden und Familie. Meld dich mal wieder bei den Großeltern. Komm gut ins neue Jahr und lass die ganzen Sorgen und Ängsten der 10er hinter dich. In den kommenden Jahren machen wir alles besser, versprochen.